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Volle Gasspeicher? Die EU steht am Rand des wirtschaftlichen Zusammenbruchs

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Okt 19, 2023

Von Dmitri Lekuch

Die Gründe für den Füllstand und die Auswirkungen auf die europäische Wirtschaft sind komplex und werfen viele Fragen auf. Ein genauerer Blick in die Situation offenbart ein systemisches Problem, das über den Energiesektor der EU hinausgeht.

Allerdings werden die Nachrichten über einen weiteren Rekordfüllstand der europäischen Gasspeicher, die in der Regel Untergrundspeicher (UGS) sind, in letzter Zeit von den westlichen Medien so oft – und vom Standpunkt der Alltagssituation so unzeitgemäß – verbreitet, dass sie selbst beim gutgläubigsten, loyalsten, vegetarisch und liberal orientierten europäischen Bürger eine etwas misstrauische, jedenfalls recht nervöse und keineswegs gesunde Reaktion hervorzurufen beginnen. Allzu viele Fragen erwachsen in Bezug auf diese sonderbaren Zahlen, die auf der Anzeigetafel flimmern, mitten in einer Systemkrise. Und insbesondere zu den Gründen für diese erstaunlichen flimmernden Zahlen.

Doch alles der Reihe nach.

Den Daten von Gas Infrastructure Europe (GIE) zufolge haben die gesamten Erdgasreserven in den europäischen Speichern derzeit einen historischen Höchststand erreicht: Aktuell sind die Speicher des europäischen Subkontinents zu 97,89 Prozent ihrer Maximalkapazität gefüllt, das sind sogar 8,54 Prozentpunkte mehr als im Durchschnitt der letzten fünf Jahre zur selben Jahreszeit. In absoluten Zahlen fassen sie jetzt rund 107,75 Milliarden Kubikmeter Erdgas. Nicht zu vergessen ist ein sehr wichtiges Detail, nämlich dass die Länder dieses Kontinents ihre unterirdischen Speicher bereits Mitte August zu den angestrebten 90 Prozent mit Erdgas für die Heizperiode gefüllt hatten. Das Auffüllen ging trotzdem noch weiter.

Vielleicht will und kann man sich damit gegen den laut Prognosen zu erwartenden sehr kalten Winter absichern? Nein, das glaube ich nicht.

Im Übrigen ist das auch ziemlich sinnlos: Die Internationale Energieagentur (IEA) hat bereits im Sommer ziemlich kühl darauf hingewiesen, selbst wenn die EU-Länder ihre Gasspeicher zu 100 Prozent oder mehr füllen könnten und wenn sie den Überschuss noch in Feuerzeuge abfüllen könnten, dass selbst dann solch hohe Reserven des blauen Brennstoffs im Falle eines wirklich kalten Winters und des Wegfalls der Gaslieferungen aus Russland einen Zusammenbruch des Energiesystems der EU nicht verhindern können, rein rechnerisch.

Aus Gründen des Anstands wurde das natürlich verblümt eine „vorhersehbare Instabilität auf den Märkten“ genannt, doch egal wie sehr man seine Taube liebt, früher oder später wird sie einem auf den Kopf kacken. Allein um ihrem Ruf als Taube gerecht zu werden.

Deshalb kann man bei einem tatsächlichen Stromausfall ruhig von der Volatilität des Energiesystems oder der Instabilität der Energiemärkte sprechen, wie es die IEA bevorzugt. In Wirklichkeit ist es jedoch immer noch dasselbe: Du legt den Schalter um und aus irgendeinem Grund geht das Licht nicht an. Ganz egal, wie die Volatilität genannt wird. Und das ist das Kurioseste:

Nimmt man die Daten derselben Agentur IEA zur Grundlage (und in diesem Fall gibt es keinen Grund, ihnen nicht zu trauen), so sind die aktuellen Importe aus den LNG-Terminals in die europäischen Gasspeicher im Vergleich zu den Vormonaten natürlich leicht gestiegen, doch diese befinden sich dennoch auf dem niedrigsten Stand seit Februar 2022. Hinzu kommt die vollständige Einstellung der Lieferungen aus dem größten israelischen Gasfeld Tamar, das sich auf dem Festlandsockel vor der Küste des Gazastreifens liegt. Selbstverständlich würde das so kurzfristig nicht die europäischen Märkte beeinflussen, doch nicht einmal „als Erwartungshorizont“ wäre dies nicht der Fall.

Und glauben Sie mir, nicht umsonst hat Wladimir Putin die europäische Öffentlichkeit mit der wieder einmal „ganz erstaunlichen“ Tatsache vertraut gemacht hat, dass ein Zweig der Nord-Stream-2-Pipeline ja noch völlig intakt und bereit für die sofortige Beförderung des blauen Brennstoffs ist.

Außerdem ist die Gas-Durchleitung über die Ukraine derzeit nicht voll ausgelastet, bis auf die über den Gas-Einspeisepunkt in Sudsha nahe Kursk. Es würde auch mehr gehen, doch seltsamerweise hat die EU wohl ohnehin schon genug Energieträger gebunkert.

All das Beschriebene lässt rein rechnerisch nur eine Schlussfolgerung zu: Es ist schlicht unmöglich, das Geschehen mit einem zurückliegenden „warmen Winter“, mit so viel jetzt verfügbarer „grüner Energie“ und eifrigen „Energieeinsparungen durch sparsame Bürger“ zu erklären. Ein derart starker Einbruch im gesamten Verbrauch hat nämlich nur eine Erklärung: der Abschwung im Industriesektor. Und der betrifft vor allem die grundlegenden, energieintensiven Wirtschaftszweige.

Eigentlich ist dies nicht einmal mehr ein Geheimnis: darüber sprechen ja nicht nur Experten und Journalisten, sondern auch Regierungsvertreter. So zum Beispiel der russische Präsident Wladimir Putin, der gerade letzte Woche den industriellen Niedergang in der Eurozone ins Gespräch brachte und detailliert erörterte, worin der Grund für die damit sinkende Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft liegt, während andererseits die des wichtigsten wirtschaftlichen Konkurrenten der EU, nämlich der Vereinigten Staaten von Amerika, gestiegen ist. Wie übrigens auch die bei den asiatischen Ländern, denen Russland die Energieträger mit einem Preisnachlass zu verkaufen begann.

Außerdem ist das real verfügbare Einkommen in der Eurozone im ersten Quartal dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahr nur um minus 1,2 Prozent „gewachsen“, also geschrumpft. Aus objektiver Sicht des Wirtschaftsgeschehens ist dies, vorsichtig ausgedrückt, ein eher alarmierendes Signal: Der Einbruch der Konsumnachfrage rundet das Gesamtbild nur noch ab. Zusätzlich zu den Preisen an den Tankstellen und den bisweilen drolligen Auseinandersetzungen auf den Straßen.

Folglich sollten sich die westlichen Medien nicht zu sehr über den hohen Füllstand der Gasspeicheranlagen freuen, sondern bestenfalls wenigstens darüber verblüfft sein.

Derselbe Putin hat zu Recht die Bemerkung gemacht, dass sich die europäische Wirtschaft selbst den ganz offiziösen westlichen Angaben zufolge irgendwo „um die Nullmarke herum“ bewegt, also kurz vor dem Abrutschen in eine unkontrollierte Rezession steht. Und während also in Europa eine eigentlich sinnlose Aufladung der unterirdischen Speicher zunimmt (wohlgemerkt zu Spitzenpreisen am Markt), wächst in Russland der gesamte produktive Sektor seit sieben Monaten in Folge, wie sich herausstellt.

Und wenn Europa früher relativ billiges Gas aus Russland kaufte, so kauft es jetzt notfalls die ebenfalls noch nicht sehr teuren Ergebnisse seiner Verarbeitung aus Russland. Der Export (mit ziemlichen Energieeinsatz herzustellender) russischer Düngemittel für die europäische Landwirtschaft hat sich (mangels verteuerter eigener Produktion in der EU) beispielsweise vervielfacht.

Somit ist der aktuelle anscheinende Überfluss in den Gasspeichern von Europa kein Grund zur Freude mehr. Entschuldigen Sie, doch das ist ein systemisches Problem. Wobei das ja nicht nur den Energiesektor betrifft. Egal, wie warm oder kalt der nächste Winter werden mag.

Zuerst erschienen bei RT Russia und übersetzt aus dem Russischen.

Dmitri Lekuch ist Schriftsteller und Autor.

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