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Zeitpunkt der Nord-Stream-Anschläge laut Bloomberg „kein Zufall“

Die Nachrichtenagentur Bloomberg spekuliert in einem Artikel, dass der Zeitpunkt der Anschläge auf die Nord-Stream-Pipelines kein Zufall war. Damit sollte die Verwundbarkeit der Energieinfrastruktur der EU verdeutlicht werden. Neben Spekulationen dienten Kneipengespräche mit einem „erfahrenen Taucher“ der dänischen Marine als Beleg.

Offiziell ist noch immer unbekannt, wer hinter den Anschlägen auf die Nord-Stream-Pipelines steckt. Die Nachrichtenagentur Bloomberg hat nun einige der offiziellen Ermittlungsergebnisse und Stellungnahmen sowie weitere Erkenntnisse in einem Artikel zusammengefasst. Sicher ist laut offiziellen Kreisen demnach nur, dass es sich um eine gezielte Sabotage handelte.

Mehrere Länder haben die Anschläge mittlerweile untersucht. Schlüssige Ergebnisse wurden bisher allerdings von keiner Seite veröffentlicht. Der Autor Willem Marx geht zunächst auf den Zeitpunkt der Angriffe ein und versucht damit, zu suggerieren, dass Russland hinter den Anschlägen steckt. Laut Marx sei der Zeitpunkt nämlich kein Zufall gewesen.

Am Morgen nach der Explosion, als zunächst noch Unklarheit herrschte, was genau geschehen ist, reiste die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen nach Polen, um an der Eröffnungszeremonie der Baltic Pipe teilzunehmen. Die Pipeline soll norwegisches Gas über Dänemark an die polnische Ostseeküste leiten, da man in der EU unabhängiger von russischem Gas werden möchte. Frederiksen sagte damals:

„Wir müssen alles in unserer Macht stehende tun, um Energie als russisches Machtinstrument zu beseitigen. Gemeinsam werden wir Putin besiegen.“

Die Pipeline Nord Stream 2 wurde vor dem Hintergrund der antirussischen Sanktionen nie in Betrieb genommen. Als die Lieferungen durch Nord Stream 1 aufgrund von Wartungsarbeiten und auch aufgrund der komplexen Situation durch die Sanktionen ausblieben, mehrten sich in Deutschland vor dem Hintergrund der Energiekrise die Stimmen, Nord Stream 2 in Betrieb zu nehmen. Darauf geht der Autor des Bloomberg-Artikels jedoch nicht näher ein.

Marx schilderte jedoch Informationen, die er „bei einem Bier in einer Kopenhagener Bar“ mit einem der „erfahrensten“ Taucher der dänischen Marine erhalten haben will. Dem Taucher zufolge sei das Auffinden der Pipelines ohne exakte Koordinaten und Tracking-Technologie extrem schwierig. Zudem seien hunderte Kilogramm schwere Sprengladungen an der Unterseite der Rohre angebracht worden. Für einen einzelnen Taucher hätte das Anbringen der Sprengladungen mehrere Stunden gedauert. Daher sei davon auszugehen, dass ein autonomes Tauchfahrzeug, wie sie bisher nur von hoch entwickelten Seestreitkräften genutzt würden, im Spiel gewesen sei. Ein Schiff hätte nur „unnötige Aufmerksamkeit“ erregt. Die dänische Marine hält diese Theorie laut Artikel theoretisch für möglich. Dänemarks Inlandsgeheimdienst und seine Verteidigungs- und Außenministerien äußerten sich nicht zu den Vermutungen des dänischen Tauchers.

Da die Anschläge auf die Nord-Stream-Pipelines gezeigt hatten, wie verwundbar die Energieinfrastruktur Europas ist, überdächten dem Bloomberg-Artikel zufolge nun zahlreiche Staaten in der EU ihre militärische Sicherheitsstrategie in Bezug auf die zivile Infrastruktur und würden massiv aufrüsten. Der Großteil des Erdgases werde mittlerweile von Norwegen in die EU geliefert. Dementsprechend seien die Nord-Stream-Attacken „ein Weckruf“ gewesen, sagte Paal Hilde, ein ehemaliger Beamter des Verteidigungsministeriums.

Auch in Schweden scheint man jetzt umzudenken: Der Brigadegeneral und stellvertretende örtliche Marine-Chef Patrik Gardesten erklärte, dass die Anschläge verdeutlichen würden, dass es „wachsende Risiken“ durch hybride Kriegsführung im Bereich der zivilen Infrastruktur gebe. In Dänemark hatten die Anschläge ebenfalls Veränderungen hervorgerufen. Der Marine-Offizier Jens Wenzel Kristoffersen monierte, dass es in seinem Land keine U-Boote mehr gebe. Es sei daher fraglich, wie Dänemark seine Unterwasserinfrastruktur unter diesen Bedingungen überwachen oder auf „Aggressionen aus dem Osten“ reagieren könne. Man benötige zudem Unterwasserdrohnen und Minenräumgeräte, auf die mittlerweile auch Frankreich setze. Auch Großbritannien intensiviere diesbezüglich seine Bemühungen. Weiterhin wurde Niiles Kross, der frühere Chef des estnischen Geheimdienstes, mit den Worten zitiert:

„Ist es sinnvoll, dass die Russen das tun? Ich meine, ja und nein.“

Er vermutete, dass einige Nachrichtendienste zwar Beweise für die Identifizierung der Saboteure haben könnten, dass sie aber gute Gründe hätten, diese nicht zu veröffentlichen:

„Vor allem, wenn es nicht die Russen sind.“

Samuel Charap, ein leitender Politikwissenschaftler bei der RAND Corporation, der über Russland forscht, ist sich dem Bericht zufolge ebenfalls ziemlich sicher, dass Moskau keine Pipelines in die Luft sprengt, für deren Bau russische Unternehmen Milliarden ausgegeben hätten. „Wenn es auch nur einen Hauch von Beweisen gäbe, dass es Russland war“, sagte er, „wäre das schon längst durchgesickert“.

Ronald Marks, ein ehemaliger CIA-Beamter mit Erfahrung in russischen Operationen, ist laut Bloomberg zunehmend davon überzeugt, dass die Explosionen von einer kleinen Gruppe von Ukrainern verübt wurden, vielleicht mit der Hilfe einer ausländischen Regierung. Marks sagte:

„Ich wäre bereit, eine Hypothek darauf zu setzen.“

Hintergrund für Marks Äußerungen sind Berichte der New York Times und der Zeit, wonach eine proukrainische Gruppe hinter den Anschlägen steckte, die diese mithilfe der Segeljacht „Andromeda“ durchführten. Der US-Investigativjournalist Simon Hersh bezeichnete die Berichte jedoch als eine von der CIA initiierte „Parodie“, die die Presse glauben sollte. Die Täterschaft der „proukrainische Gruppe“, die hinter den Nord Stream-Anschlägen stecken solle, sei eine „totale Erfindung des amerikanischen Geheimdienstes“, um von der Täterschaft der USA abzulenken. Hersh hatte zuvor selbst einen Bericht veröffentlicht, laut dem die USA zusammen mit Norwegen verantwortlich für die Anschläge sind.

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