• Do. Jun 8th, 2023

Kriegsgebiet

Unabhängige Nachrichten

Im Donbass entsteht eine neue Frontkonfiguration – Analyse zum Kriegsverlauf

Die Einnahme von Marjinka, einer Trabantenstadt von Donezk, durch russische Streitkräfte sowie weitere Geländegewinne bei Artjomowsk könnten neue Offensiven gegen die ukrainischen Streitkräfte im Donbass ermöglichen.
In den vergangenen Tagen haben die russischen Streitkräfte an zwei Frontabschnitten bedeutende Geländegewinne erzielt: bei Marjinka, das in acht Jahren zu einem Symbol der Kämpfe in unmittelbarer Nähe von Donezk wurde, und bei Soledar, dem zweitbedeutendsten befestigten Ort nördlich von Artjomowsk (Bachmut). Die Bedeutung dieser Entwicklungen geht über das eigentliche Einnehmen der Ortschaften hinaus.

Nach einer Intensivierung des Drucks auf die ukrainischen Stellungen schlugen die russischen Streitkräfte die Hauptkräfte Kiews aus dem Zentrum von Marjinka in der DVR zurück. Nun werden im Zentrum der Stadt letzte Widerstandsnester ausgehoben.

Nach Angaben des amtierenden Oberhaupts der Donezker Volksrepublik Denis Puschilin wurden ukrainische Verbände in einen faktisch völlig zerstörten Stadtteil, darunter in ein Viertel aus Einfamilienhäusern, zurückgedrängt. Laut Puschilin kontrollieren die russischen Streitkräfte nun 80 Prozent des Territoriums von Marjinka. Der DVR-Chef meldete, dass dieser Erfolg weiter ausgebaut werden könne, weil ukrainische Verbände kaum Chancen haben, sich im zerstörten Teil von Marjinka zu befestigen.

Der Grund dafür liegt darin, dass in denjenigen Teilen von Marjinka, wohin sich das ukrainische Militär zurückziehen musste, keine intakten Gebäude, die sie als Deckung nutzen könnten, übriggeblieben sind. Außerdem werden ukrainische Verbände sofort von Artillerie und Luftstreitkräften angegriffen, sobald sie versuchen, in bestimmten Ruinen Befestigungen zu errichten.

Die Feuerdichte ist so groß, dass eine Umgruppierung genauso schwierig wie das Organisieren einer effektiven Verteidigung ist. Darüber hinaus werden die Zufahrtswege nach Marjinka aus Richtungen von Ugledar und Kurachowo beschossen.

Puschilins Angaben sollten jedoch ein wenig konkretisiert werden. Bis zuletzt befanden sich die ukrainischen Stützpunkte in Marjinka in Wohnblöcken im zentralen und südlichen Teil der Stadt in unmittelbarer Sichtweite der berühmten Halde des Schtschurow-Bergwerks.

Kämpfe um Marjinka waren noch in den Jahren 2014/2015 mit wechselndem Erfolg ausgetragen worden. Und selbst im Jahr 2016 versuchte die DVR diese Trabantenstadt von Donezk unter ihre Kontrolle zu bringen. Damals gelang es einigen bekannten Einheiten der DVR, bis zum Stadtzentrum vorzustürmen, doch die Halde wurde zu einem Stolperstein. Nach Donbass-Maßstäben ist sie nicht besonders hoch, doch ist ihre Lage so günstig, dass sie die strategische Kontrolle über den fast völlig zerstörten Ort erlaubt.

Damals reichten die Kräfte der DVR nicht aus, um im Zentrum von Marjinka Befestigungen anzulegen. Die ukrainische Seite dagegen konnte leicht Verstärkung über Kurachowo heranbringen – über einen weiter westlich gelegenen großen Verkehrsknotenpunkt, wo sich viele Jahre lang der Stab der ukrainischen Heeresgruppe „Ost“ sowie Kommandopunkte der Artilleriereserven befanden. Ausgerechnet von Kurachowo aus wurden im Frühling und teilweise noch im Sommer die ersten Angriffe mit Totschka-U-Raketen koordiniert.

Jetzt ist die Lage aus offensichtlichen Gründen ganz anders. Das ukrainische Militär kann eine alleinstehende Abraumhalde nicht mehr verteidigen – unter anderem, weil die russischen Streitkräfte Marjinka von Süden über die Straße M-15 umgangen haben und nördlich der Stadt ständigen Druck auf Krasnogorowka ausüben. Der ukrainischen Garnison, die sich in den westlichen Teil von Marjinka mit Einfamilienhäusern zurückgezogen hatte, fehlt es faktisch an Versorgung und an Stellungen, wo sie sich befestigen könnte.

Man könnte sich nun um Details streiten, ob die russischen Streitkräfte 80 oder 79 Prozent von Marjinka kontrollieren. Aber das Wesentliche ist klar: Marjinka wurde eingenommen, auch wenn die Räumung der Einfamilienhausviertel nahe der Kaschtanowaja-Straße noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird. So ist es immer in Vierteln mit Einfamilienhäusern.

Nun entsteht die gleiche Frage, die nach der Einnahme von Pawlowka bei Ugledar vor fast einem Monat für Aufregung sorgte. Wird es nicht an der Zeit sein, parallel zur Räumung der Einfamilienhausviertel das Artilleriefeuer auszudehnen, und zwar auf Kurachowo?

Ja, Marjinka ist ein Symbol der Kämpfe um Donezk, von dort aus konnte die Stadt leicht beschossen werden, aber Kurachowo ist aus strategischer Perspektive ein weit attraktiveres Ziel.

Die Einnahme von Marjinka an sich ist ein Erfolg. Doch es kam schon oft vor, dass selbst zutiefst symbolträchtige lokale taktische Erfolge von einem Stillstand des Vordringens gefolgt waren, der dem Gegner die Möglichkeit gab, seinen bedrohten Frontabschnitt zu verstärken. Und das passiert bereits, denn Kiew verlegt vordringlich diejenigen Einheiten, die am südlichen Frontabschnitt bei Cherson frei geworden sind, nach Kurachowo sowie an den Frontabschnitt bei Artjomowsk und Soledar.

Etwas anders gestaltete sich in den vergangenen Tagen die Lage am Frontabschnitt bei Artjomowsk, Soledar und Sewersk, also an der letzten ukrainischen Verteidigungslinie vor dem Ballungsraum von Kramatorsk und Slawjansk. Das Vordringen auf Soledar erfolgte parallel zur Offensive auf Artjomowsk, allerdings blieben die russischen Sturmtrupps vor dem KNAUF-Werksgelände stehen. In Soledar selbst bauten die ukrainischen Streitkräfte auf der Basis jahrhundertealter Salzbergwerke ein ernstzunehmendes Verteidigungssystem aus. Eine alternative Variante, die einen Frontalsturm des KNAUF-Werks ersetzt, wurde benötigt.

Im Osten und Südosten von Soledar liegt das nach lokalen Maßstäben große Dorf Jakowlewka, einst ein reicher Kolchos mit ordentlichen Reihenhäusern, Gärten und sogar einem Stadion. Dies ist eine Sackgasse, deren Lage per Luftlinie nach Soledar direkt über offenes Ackerland führt. Vor wenigen Tagen war Jakowlewka komplett eingenommen worden. Theoretisch bietet dies unter Umgehung der befestigten Stellungen beim KNAUF-Werk die Möglichkeit einer Offensive auf Soledar oder sogar direkt auf das Zentrum dieser Stadt. Ebenfalls könnte theoretisch die Eisenbahnlinie, über die Artjomowsk teilweise immer noch versorgt wird, unterbrochen werden.

Doch dafür müsste nicht nur ganz Jakowlewka unter russische Kontrolle gebracht werden, was ja bereits geschehen ist, sondern es müssten auch die sieben Kilometer bis Soledar über offenes Gelände und Ackerland überwunden werden. Auch diese potentielle Bedrohung ändert die Lage bei Soledar, garantiert aber keinen schnellen Erfolg. Das ukrainische Militär verfügt noch über freie Reserven in unmittelbarer Frontnähe, was ihm die Möglichkeit gibt, über Tschassow Jar – je nach Bedrohungslage – zu manövrieren. Es gibt aber auch Bedrohungen, vor denen sie keinerlei Manöver retten.

Zusammenfassend sieht das alles wie die Entstehung einer neuen Frontlinie aus, die als Grundlage für die kommende Kampagne im Winter 2022 und Frühjahr 2023 dienen kann. Das ist keine „Stellungsverbesserung“, sondern ein echter Versuch, die Voraussetzungen für Offensiven am Donezker Frontabschnitt zu schaffen – diesmal von günstigeren Ausgangspunkten.

Dabei könnten die gegenwärtig stattfindenden Kämpfe um Kleschtschejewka südlich von Artjomowsk noch erwähnt werden. Eine Einnahme von Kleschtschejewka würde nicht nur ermöglichen, aus einer anderen Richtung auf Artjomowsk vorzustoßen, sondern auch die Straße nach Tschassow Jar zu unterbrechen, was prinzipielle Bedeutung hätte. Und ganz weit nördlich bahnt sich ein erfolgreiches Vordringen auf Kupjansk an, was zwar keine vollwertige Offensive ist, doch bereits ermöglichte, neue Stellungen am Fluss Oskol in unmittelbarer Nähe von Kupjansk zu beziehen.

Indessen existiert trotz aller offensichtlichen Erfolge der letzten Tage das drängende Problem, die Erfolge möglichst auszubauen. Die Verlegung ukrainischer Verstärkungen wird tatsächlich durch Verkehrsknotenpunkte in nur zwei oder drei Ortschaften ermöglicht. Sie alle liegen in unmittelbarer Reichweite russischer Artillerie und könnten zu Zielen neuer Offensiven werden. Betrachtet man die Ereignisse der vergangenen Tage als Teil einer taktischen Vorbereitung von Offensiven gegen diese Orte, erscheint solch ein Vorgehen durchaus vernünftig.

Eine Analyse von Jewgeni Krutikow

Übersetzt aus dem Russischen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert