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Trotz horrender Verluste: Warum füttert Kiew weiter den „Fleischwolf“ von Artjomowsk?

Woher westliche Medien den Gedanken auch haben, russische Truppen würden in Artjomowsk aufgerieben: In der Realität ist es Kiew, das dort ein Bataillon täglich verliert und sich dennoch an der Kleinstadt festhält. Auch Russland will Artjomowsk unbedingt haben. Warum?

Von Jewgeni Krutikow

„Der Fleischwolf von Artjomowsk“ oder auch „Der Fleischwolf von Bachmut“, wie diese Stadt in der heutigen Ukraine genannt wird. Genau so beschreiben Medien, sogar ukrainische, immer öfter das momentane Geschehen um diese Stadt im Donbass. Kiew verliert dort jeden Tag unwiederbringlich Hunderte von Soldaten. Warum ist der Kampf um dieses Städtchen letztlich von strategischer Bedeutung?

Neuerdings behaupten Kiews untergeordnete Militärexperten und andere, dass die blutigen Kämpfe, die Russland im Moment um Artjomowsk schlägt, sinnlos seien. Ihrer Meinung nach wäre selbst die Einnahme dieser Stadt nur ein taktischer Erfolg für Moskau, der den Verlauf von dessen Sonderoperation als Ganzes zu beeinflussen nicht vermöchte. Der Kreml verpulvere also zu viele Ressourcen an einem lediglich sekundären Unterabschnitt der Front, heißt es.

Aber wenn Artjomowsk so unwichtig ist, warum setzt die Ukraine ihrerseits so viel Personal und Ausrüstung für seine Verteidigung ein? Die täglichen Verluste der ukrainischen bewaffneten Formierungen an diesem sehr kleinen Unterabschnitt der Front werden nach westlichen Angaben auf 300 bis 400 Mann geschätzt, und das für die vergangenen zwei Monate. Das ist nichts anderes als eine Katastrophe mit bald zu erwartenden weitreichenden Folgen. Nicht umsonst verwenden die Medien so oft das Wort „Fleischwolf“, um das Geschehen zu beschreiben. Nun, wozu müssen denn beide Seiten so dringend dieses Artjomowsk überhaupt besitzen?

Tatsächlich ist es eben nicht bloß ein Punkt auf der Landkarte, sondern einer der größten Verkehrsknoten im Donbass, und von denen, die dort noch unter der Kontrolle der ukrainischen Streitkräfte stehen, ist es sogar der letzte seines Kalibers. Gerade über Artjomowsk verliefen bis vor kurzem alle Nachschubwege der ukrainischen bewaffneten Formierungen am Donezker Unterabschnitt der Front. Und wer hier auf Tschassow Jar als angebliche Alternative verweist, belügt sich selbst: Aus Tschassow Jar führen keine Straßen, über die man ukrainische Einheiten weiter südlich am Donezker Unterabschnitt der Front versorgen könnte, da die Straße von Artjomowsk und Tschassow Jar nach Süden bereits besetzt ist.

Es ist klar, dass ein Teil der Eisenbahninfrastruktur zerstört wurde, aber die Wiederherstellung ist kein allzu großes Problem. Von Artjomowsk aus gelangt man leicht einerseits nach Lissitschansk, Popasnaja, Swetlodarsk, Gorlowka und andererseits nach Konstantinowka, Slawjansk, Sewersk, Swjatogorsk. Sprich, wer von dort aus Pfeile auf die Karte zeichnet, sieht: Von Artjomowsk aus kann Russland eine Offensive nach Slawjansk und Kramatorsk, Swjatogorsk sowie Sewersk (über Soledar, das die russischen Truppen in naher Zukunft ebenfalls befreien dürften) führen.

Nicht zuletzt geht den ukrainischen bewaffneten Formierungen mit dem Verlust von Artjomowsk auch die Möglichkeit eines Gegenangriffs mit Stoßrichtung Lissitschansk und Swatowo ab. Auch Isjum wird dann auf der Kippe stehen, und die russische Armee wird einen neuen Brückenkopf für eine Offensive gegen Kramatorsk erhalten.

Bei all dem hat Artjomowsk selbst, abgesehen von seiner geografischen Lage und seiner Weggabelung, keinen besonderen Wert. Dort gibt es keine wichtigen Industrien oder Wasserstraßen. Es ist ein Hinterwald, die lediglich zwölftgrößte Ortschaft im noch von den ukrainischen Streitkräften kontrollierten Teil des Donbass.

Politisch gesehen wird sich mit der Befreiung von Artjomowsk der damit einhergehend schrittweise ausgebaute Zugang zur Grenze der DVR bemerkbar machen. Der Beschuss von Gorlowka, einer Trabantenstadt von Donezk, erfolgt ebenfalls aus der Umgebung von Artjomowsk, und dieser Bedrohung wird zumindest Gorlowka somit entzogen werden.

Eine weitere Nuance. Die berühmten Verteidigungslinien, kilometerlange Labyrinthe aus Schützengräben und Erd-Holz-Unterständen – oft einbetoniert –, die sogenannten Ameisenhaufen, die von den ukrainischen Streitkräften acht Jahre lang nach allen Regeln der militärischen Befestigungsbaukunst errichtet wurden, wurden bereits weitgehend zerstört. Die Ukrainer zogen sich nach dem Verlust von Sewerodonezk und Lissitschansk auf die ziemlich gerade von Süd nach Nord verlaufende Verteidigungslinie Artjomowsk-Soledar-Sewersk zurück. Dies war eine neue Verteidigungslinie, die sehr stabil erschien, zumindest wenn man sie sich auf der Stabskarte ansah. Doch mit Ausnahme des befestigten Raumes Kramatorsk-Slawjansk gibt es weiter westlich keine größeren Verteidigungslinien. Neue zu bauen, wird im Winter problematisch. Theoretisch wäre das möglich, wenn sich die ukrainischen bewaffneten Formierungen einfach von Artjomowsk nach Slawjansk zurückziehen und dort verschanzen würden.

Denn so sind sie in der Tat auch bisher immer wieder verfahren. So räumten sie Lissitschansk und zogen sich nach Artjomowsk zurück. Aber jetzt wurde Artjomowsk für sie zu einer Verteidigungsposition von ausschlaggebender Wichtigkeit für den gesamten Frontabschnitt Donbass (mindestens aber für die Teilstrecke der Front auf der Höhe des Großraums Donezk) und sich von dort zurückzuziehen, würde für Kiew bedeuten, die Front zusammenbrechen zu lassen. Möglichkeiten, die Front zu stabilisieren, würden sich erst 50 bis 70 Kilometer landeinwärts bieten.

Unbestätigten Berichten zufolge soll der Chef des ukrainischen Generalstabs Valeri Saluschny dem Präsidenten Selenskij vorgeschlagen haben, die Verteidigungslinie zwischen Artjomowsk, Soledar und Sewersk nach dem Vorbild von Lisitschansk bereits im Sommer aufzugeben. Dies hätte es der Ukraine ermöglicht, hochgradig kampffähige Kaderbrigaden zu schonen, um sie zur Verteidigung der Agglomeration Kramatorsk-Slawjansk einzusetzen.

Die Kehrseite eines solchen Manövers wäre der Verlust der Fähigkeit, das gesamte Kontingent der Ukraine in der Höhe des Großraums Donezk, wenn nicht gar im gesamten Donbass, effektiv zu versorgen. Dies würde nach einiger Zeit zum Verlust von Awdejewka, Marjinka und Ugledar führen. Ab hier aber käme das Domino-Prinzip zum Greifen. Und wir haben bereits darüber gesprochen, dass jetzt im Großraum Donezk die Besetzung eines beliebigen besiedelten Gebiets (sogar eines Dorfes mit dem sprechenden Namen Trjochisbenka – dt. etwa: Dreilauben, Dreihütten) von strategischer Bedeutung sein könnte.

In Artjomowsk sind seitens der Ukraine aktuell die 53. und 54. separaten mechanisierten Brigaden disloziert, nördlich der Stadt eine weitere, die 30., zusammen mit der 10. separaten Bergjäger-Sturmbrigade. Ebenfalls in den Großraum Artjomowsk verlegt wurden die 57. motorisierte Schützenbrigade, vom Frontabschnitt Charkow-Swatowo die 71. Jägerbrigade aus der Umgebung von Swatowo sowie die 81. separate luftbewegliche Brigade aus der Umgebung von Krasny Liman und schließlich ein Bataillon aus der 65. mechanisierten Brigade, die sich zuvor auf eine Gegenoffensive im russischen Gebiet Saporoschje vorbereitet hatte.

Mit anderen Worten, die Kämpfe um Artjomowsk wurden gewissermaßen ein Stoß zur Ablenkung, aber nicht für die russischen Streitkräfte, sondern im Gegenteil: Die ukrainischen bewaffneten Formierungen waren gezwungen, ihre bis dato erfolgreiche Einheiten überstürzt von anderen Abschnitten und Teilabschnitten der Front abzuziehen und sie in den von ihnen so genannten „Bachmut-Fleischwolf“ zu werfen. Ihre Angriffsversuche am Frontabschnitt Charkow-Swatowo in Höhe Krasny Liman und Swatowo selbst mussten sie abbrechen. Und die Idee, eine Offensive im Gebiet Saporoschje zu organisieren, hat Kiew jetzt ganz und gar vergessen.

Die vollständige Liste der ukrainischen Einheiten, die jetzt in Artjomowsk und Umgebung im Einsatz sind oder waren, ist indes viel umfangreicher. Außer den genannten gehören dazu: Die separaten mechanisierten Brigaden 24 und 62 sowie 93 „Cholodny Jar“ (die ramponierten Reste dieser Brigade wurden erst vor kurzem aus dem Kampfgebiet rotiert), die 3. separate Panzerbrigade „Eisen“ und schließlich die separaten Landwehrbrigaden 109 (Gebiet Donezk), 125 (Stadt Lwow/Lemberg), 112 und 241 (Stadt Kiew). Hinzu kommen einzelne Artillerieeinheiten der strategischen Reserve des Generalstabs der ukrainischen Streitkräfte.

Auf russischer Seite stehen all dem lediglich das Private Militärunternehmen „Wagner“ und einzelne Einheiten des 1. Armeekorps der Volksrepublik Donezk entgegen.

Dabei betet ein großer Teil der westlichen und ukrainischen Experten immer wieder ihr seltsames Mantra von einem angeblichen „Aufreiben der russischen Truppen“ durch die Streitkräfte der Ukraine in und bei Artjomowsk herunter. In Wirklichkeit geschieht jedoch das genaue Gegenteil. Allein im November waren die ukrainischen Streitkräfte zweimal gezwungen, Untereinheiten der separaten mechanisierten Brigaden 53 und 54 aufgrund schwerer Verluste von Artjomowsk nach Tschassow Jar und Kramatorsk zum Aufstocken mit Personal und Gerät abzuziehen. Es geht hier nicht einmal darum, dass die im Rahmen der neueren Mobilmachungswellen in der Ukraine Eingezogenen nicht so kampffähig sind wie die Veteranen der altgedienten „nummerierten“ Kader-Brigaden, obwohl auch das durchaus der Fall ist. Der wichtigste Punkt ist, dass die Struktur dieser Brigaden verloren geht.

Bis ins Jahr 2022 versuchten die ukrainischen Streitkräfte hartnäckig, auf die von den NATO-Ausbildern vorgegebene Struktur umzustellen. Mit spontan zusammengestellten Kampfgruppen etwa in Bataillonsgröße nach NATO-Muster (genauer: Battlegroup in den Commonwealth-Staaten oder Task Force in der US-Armee) als dem Rückgrat ihrer Organisation. Dabei wurde das meiste an Artillerie und gepanzerten Fahrzeugen aus der regulären Zusammensetzung der Bataillone innerhalb der ukrainischen Kaderbrigaden herausgenommen und in eine Art operative Reserve des Kommandos umgewandelt. Dies funktionierte während des „seltsamen Krieges“ der Jahre 2016 bis 2021, der sich für Kiew auf die Besetzung einzelner Bereiche der Grauzone genannten Niemandslandes beschränkte. Darauf waren die Kampfgruppen nach NATO-Muster ausgerichtet.

Im Jahr 2022 aber stellte sich heraus, dass solche Einheiten in einem intensiven Konflikt nicht im Alleingang funktionieren können, sondern reichlich Unterstützung durch Artillerie und gepanzerte Fahrzeuge benötigen. Doch die zentralisierte Zuweisung dieser Kapazitäten aus deren neuen separaten Einheiten der operativen Reserve erfordert wiederum andere, fortschrittlichere Methoden der Koordinierung zwischen den Einheiten und Waffengattungen, die das ukrainische Militär nicht in seiner Gesamtheit beherrscht.

Die russische Armee hingegen hat sich in den vergangenen Monaten zu verstärkten Bataillonen umformiert, zu denen bereits die Artillerie der jeweiligen übergeordneten Brigade sowie Panzereinheiten als festgeschriebener Bestandteil gehören. Daher benötigen sie jetzt keine zusätzliche Koordinierung und kein zusätzliches Koordinierungstraining mehr. Außerdem kann diese Art von Bataillon problemlos frisch geschultes, im Rahmen der Mobilmachung eingezogenes Personal aufnehmen.

Im Ergebnis verstrickten sich die ukrainischen Streitkräfte in selbstzerstörerische Kämpfe an der Linie Artjomowsk-Soledar-Sewersk. Und sie pumpen und pumpen weiterhin ungeheure personelle und technische Ressourcen in diese Kämpfe.

Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Das ukrainische Militär hat keine vorbereiteten Verteidigungslinien weiter westlich als Slawjansk und Kramatorsk. Indes bedeutet für sie der Verlust von Artjomowsk unter den derzeitigen Umständen einen Zusammenbruch der Front entlang des gesamten Abschnitts Donbass. Den Ukrainern ist es nicht mehr möglich, ohne logistische Verluste aus der Sache herauszukommen. Kontingente an anderen Frontabschnitten werden durch ausschlachtenden Raubbau erodiert. Auch die politischen Aussichten sind, gelinde gesagt, unklar.

Vor diesem Hintergrund erübrigen sich jegliche Fragen, warum für Russland der Kampf um Artjomowsk überhaupt notwendig war, von allein. Als eine lokale Operation (wie auf der Karte zu sehen) begonnen, entwickelte er allmählich durchaus strategischen Charakter. Außerdem besteht kein Zweifel mehr daran, dass Artjomowsk und Soledar in absehbarer Zeit befreit sein werden, sodass alle Pläne der ukrainischen Führung, Russlands Militär „auszubluten“ und eine an einem willkürlich gewählten Ort errichtete Verteidigungslinie zu halten, bedeutungslos werden. Ja, die Überlebenden werden sich nach Kramatorsk und Slawjansk zurückziehen, aber die Konfiguration der Front und die politische Lage werden sich danach gänzlich ändern. Und das keineswegs zugunsten Kiews und seiner Truppen.

 

Übersetzt aus dem Russischen. Zuerst erschienen bei Wsgljad.

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