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600.000 US-Soldaten könnten auf Stützpunkten giftigen Chemikalien ausgesetzt gewesen sein

Mehr als 600.000 US-Militärangehörige sind auf Stützpunkten in den Vereinigten Staaten giftigen PFAS-Chemikalien im Trinkwasser ausgesetzt. Das geht aus einer auf einem Bericht des US-Verteidigungsministeriums basierenden Analyse der Environmental Working Group hervor.

Dass das US-Militär global einer der größten individuellen Verursacher von Treibhausgasen ist, wurde spätestens 2019 durch zwei voneinander unabhängige Studien aus den USA und Großbritannien belegt. Dass es zugleich aber auch zahlreiche Umweltbelastungen durch Schadstoffe im Boden und im Wasser zu verantworten hat, steht jedoch erst seit Kurzem im Fokus der Öffentlichkeit. Bezüglich der global auftretenden Schadstoffe in Boden und Wasser sind es insbesondere Per- und Polyfluorierte Alkylsubstanzen, sogenannte PFAS, die den Behörden mittlerweile Sorgen bereiten.

PFAS sind Chemikalien, die auch als PFC bezeichnet werden und hauptsächlich in alltäglichen Haushaltsgegenständen wie antihaftbeschichtetem Kochgeschirr und To-Go-Behältern vorkommen. Die Chemikalien sind aber auch in Feuerlöschschaum enthalten, der in vielen Militäreinrichtungen regelmäßig für Übungen und zum Löschen von Bränden mit Flugzeugtreibstoff verwendet wird. Es ist eine gesundheitsschädliche Stoffgruppe, die laut Europäischer Umweltbehörde (EEA) mehr als 4.700 chemische Stoffe beinhaltet und an zahlreichen Standorten sowohl das Grundwasser als auch den Boden verseucht – ursächlich dafür sind vor allem Stützpunkte des US-Militärs.

Eines der wichtigsten Anliegen der US-Regierung im Jahr 2022 war es daher, gegen das Vorkommen von PFAS vorzugehen, die aufgrund ihrer Langlebigkeit auch als „forever chemicals“ bezeichnet werden. Inmitten dieser Bemühungen ist nun allerdings ein neues Problemfeld im Zusammenhang mit „ewigen Chemikalien“ ins Blickfeld gerückt, das besonders beunruhigend ist. Denn wie The Guardian berichtet, deutet eine neue Analyse von Daten des US-Verteidigungsministeriums darauf hin, dass mehr Militärangehörige als bisher angenommen PFAS in ihrem Trinkwasser ausgesetzt waren.

Die neue Studie stammt von der Environmental Working Group (EWG), einer gemeinnützigen Umweltorganisation in Washington, die Daten aus einem Anfang des Jahres veröffentlichten Bericht des Verteidigungsministeriums analysiert hatte. In jenem Bericht hatte es damals geheißen, dass „175.000 Mitglieder in 24 Einrichtungen“ jedes Jahr Wasser konsumiert hatten, das unsichere Chemikalien enthalten hatte. Die erneute Analyse dieser Daten und öffentlich zugänglichen Aufzeichnungen durch die EWG ergab nun jedoch, dass jährlich weitaus mehr Militärangehörige im Trinkwasser enthaltenen PFAS ausgesetzt waren als ursprünglich angenommen: über 600.000 Soldaten auf 116 Stützpunkten.

Scott Faber, Senior Vice President of Government Affairs bei der EWG, zeigte sich angesichts der neuen Studienergebnisse entsetzt. „Das Verteidigungsministerium versucht, diese Risiken herunterzuspielen, anstatt aggressiv zu versuchen, die Soldaten zu informieren und die Altlasten zu beseitigen“, so Faber zum Guardian. Dies ist ein Bereich, der Umwelt- und Militärbefürwortern gleichermaßen Sorgen bereitet. Denn die Verbindungen werden als „ewige Chemikalien“ bezeichnet, weil sie sich in der Natur nicht abbauen und sich im menschlichen Körper anreichern können. Beim Menschen werden sie zudem mit einem erhöhten Krebsrisiko, einer Beeinträchtigung der fötalen Entwicklung und einer Verringerung der Wirksamkeit von Impfstoffen in Verbindung gebracht.

„Die interne Bewertung des Verteidigungsministeriums erkennt viele dieser Schäden an, aber sie ignoriert das erhöhte Risiko von Nieren- und Hodenkrebs durch PFAS-Exposition, das von anderen Bundesbehörden gut dokumentiert ist“, kritisierte Faber. Bereits 2019 hatte der US-Kongress das Verteidigungsministerium angesichts der von PFAS ausgehenden Risiken aufgefordert, einen Bericht darüber zu erstellen, wie viele Angehörige der Streitkräfte den Chemikalien ausgesetzt gewesen waren. Denn die PFAS-Verschmutzung durch Feuerlöschschaum auf Militärstützpunkten hatte in den USA bereits zuvor negative Aufmerksamkeit erregt, insbesondere der Fall auf der Marine Corps Air Station Cherry Point an der Küste von North Carolina. Der Schaum hatte damals das Grundwasser auf dem Stützpunkt und in den umliegenden Gemeinden verseucht. Seit Mitte der 1990er-Jahre bemüht sich die US-Marine vergebens darum, das verseuchte Grundwasser von den Giftstoffen zu befreien.

Nach Angaben der EWG gibt es 400 US-Militäreinrichtungen in den USA und in Übersee, bei denen eine Verunreinigung des Trinkwassers durch PFAS bekannt ist. Auf 24 davon konnten im Trinkwasser demnach merklich über dem Grenzwert liegende Werte der schädlichen Stoffe nachgewiesen werden. Nach Angaben der Centers for Disease Control and Prevention (Zentren für Krankheitskontrolle und -prävention) sind PFAS derweil im Blut fast aller in den USA lebender Menschen zu finden. In einem separaten Bericht des Verteidigungsministeriums, der im September veröffentlicht wurde, heißt es, dass das Militär den Einsatz von Feuerlöschschaum deshalb nun auch einschränken wolle und bereits nach geeigneten Alternativen suche, die keine PFAS enthalten. Das Ministerium biete außerdem Bluttests für Feuerwehrleute an.

Der Bericht des Verteidigungsministeriums konzentrierte sich jedoch lediglich auf Militärangehörige und Veteranen. Familien, die auf den Stützpunkten leben, seien bei der ersten Studie hingegen nicht berücksichtigt worden, kritisierte die EWG. So seien einige der schwerwiegendsten Auswirkungen von PFAS laut EWG bei Kindern und schwangeren Frauen zu beobachten: „Die PFAS-Belastung während der Schwangerschaft und Kindheit wird mit zahlreichen Gesundheitsschäden in Verbindung gebracht, darunter schwangerschaftsbedingter Bluthochdruck, niedriges Geburtsgewicht, kürzere Stilldauer, Störungen der Schilddrüsenfunktion, verminderte Wirksamkeit von Impfstoffen und Schädigung der Fortpflanzungsorgane.“

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