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Warum in den USA nun über einen gescheiterten Angriff der ukrainischen Streitkräfte berichtet wird

Was sind die Ziele der USA in der gegenwärtigen Konfrontation mit Russland? Warum schreibt die New York Times über einen angeblichen Anschlag, der nie stattgefunden hat? Zu diesen Fragen äußern sich verschiedene Experten.

Von Michael Moschkin

Die amerikanische Seite vereitelte einen Versuch der Ukraine, den russischen Generalstabschef Waleri Gerassimow während seiner Reise an die Front zu ermorden, berichtete die New York Times am Sonntag. Dem Blatt zufolge plante Kiew, heimlich und ohne Rücksprache mit Washington, ein Attentat auf den Generalstabschef Russlands. Zu welchem Zweck haben die US-Medien den fehlgeschlagenen Anschlag der ukrainischen Streitkräfte (AFU) auf den russischen Heerführer veröffentlicht?

Angeblich haben die ukrainischen Behörden versucht, den Chef des russischen Generalstabs, den stellvertretenden Verteidigungsminister, Armeegeneral Waleri Gerassimow, während einer seiner Reisen in das Konfliktgebiet zu töten. Darüber berichtete die US-amerikanische Zeitung The New York Times (NYT).

Die Quellen der Zeitung gaben an, dass die amerikanische Seite es abgelehnt habe, Kiew Informationen über die Reise von Gerassimow preiszugeben. Dennoch soll Kiew von den Plänen des Generalstabschefs erfahren haben, woraufhin die ukrainischen Sicherheitsdienste beschlossen, auf eigene Faust zu handeln. Die USA unternahmen daraufhin den außergewöhnlichen Schritt und baten die Ukraine, den Angriff abzubrechen, um eine Eskalation des Konflikts mit Russland zu vermeiden – allerdings antwortete Kiew laut NYT, dass der Angriff bereits begonnen hatte und der Versuch letztendlich erfolglos war.

Die Zeitung nennt jedoch keinen Zeitpunkt, an dem dies geschehen sein sollte, und auch keine Einzelheiten der Operation, berichtet TASS. Kurz nach der Veröffentlichung der NYT meldete sich der Berater des ukrainischen Büros des Präsidenten, Oleksij Arestowytsch, mit der Behauptung zu Wort, das Attentat sei im Frühjahr geplant worden, als Gerassimow die russische Armee in Isjum (Region Charkiw) besuchte. Die ukrainischen Streitkräfte sollen den Ort angegriffen haben, an dem sich der russische Generalstabschef aufgehalten habe, doch es gelang ihm, diesen frühzeitig zu verlassen, so Arestowytsch.

Die Ereignisse seit Beginn der militärischen Spezialoperation zeigen, dass dem Berater Selenskijs kein Vertrauen geschenkt werden kann. Ein anderes Anliegen ist jedoch der Grund für das Erscheinen des Artikels in der US-Publikation, die bekannterweise die Ansichten des Washingtoner Establishments vermittelt.

NYT hat einen langen Text verfasst, der im Allgemeinen eine negative Darstellung der russischen Armee zum Inhalt hat, wie sie vom Pentagon und dem Großteil der amerikanischen politischen Klasse verstanden wird“, erklärt Malek Dudakov, ein Experte für Amerika, gegenüber Wsgljad. In diesem Zusammenhang erfolgte auch die Mitteilung, dass die USA einen Anschlag auf Gerassimow verhindern wollen.

Es macht neugierig, weshalb die New York Times über ein unkoordiniertes Vorgehen Washingtons und Kiews sowie über das eigenmächtige Vorgehen Kiews berichtet. Dabei haben gerade die westlichen Medien zugegeben, dass wichtige Operationen und Sabotageakte in der Ukraine in enger Abstimmung mit den USA durchgeführt werden. So berichtete die BBC im Mai, die USA hätten der Ukraine Informationen geliefert, welche die ukrainischen Streitkräfte bei dem Angriff auf den Raketenkreuzer „Moskwa“ unterstützt hätten. Auch der Fernsehsender CNN berichtete, der US-Geheimdienst habe Kiew Informationen über den Standort des Schiffs übermittelt.

Bereits einige Monate vor dem Terroranschlag auf die Krim-Brücke letzten Sommer im Seegebiet des Schwarzen Meeres bei der Straße von Kertsch, wurden britische strategische Aufklärungsflugzeuge RC-135W registriert. Am vergangenen Freitag berichtete eine RT-Quelle, „die USA und Polen würden die Ukraine mit den Drohnen unterstützen, mit denen Kiew die Krim angegriffen hat“. Kurz zuvor veröffentlichte die Londoner Times einen Artikel, in dem es hieß: Die USA bestehen nicht mehr darauf, dass die ukrainischen Streitkräfte (AFU) keine Angriffe auf russisches Hoheitsgebiet durchführen.

„Mit ihrer Unterstützung für die Ukraine haben die Amerikaner einen Punkt erreicht, an dem es für sie unklar ist, wann und nach welchem Schritt Russland zu ihnen sagen wird: ‚Ihr habt die letzte rote Linie überschritten'“, argumentiert der Militärexperte Alexej Leonkow. Seiner Meinung nach bedarf die Darstellung, die Amerikaner hätten die Ukrainer im letzten Moment gestoppt, keiner Aufmerksamkeit. Allerdings ist es wichtig zu verstehen, wozu sie diese Geschichte in dieser Form gebracht haben.

„Die Sache ist die, dass parallel zu dieser Veröffentlichung Berichte auftauchen, wonach die Amerikaner und die Briten versuchen, über unseren Generalstab eine gemeinsame Basis mit Russland zu finden“, so Leonkow. Tatsächlich, fast zeitgleich mit dem Erscheinen des NYT-Artikels, sagte der britische Generalstabschef Admiral Tony Radakin in einem Interview mit dem Sunday Telegraph, dass er gerne öfter mit dem russischen Generalstabschef Gerassimow in Kontakt treten würde. Leonkow erwidert darauf: „Um das Vorhaben überzeugend aussehen zu lassen, wird behauptet, die USA hätten die Ukrainer daran gehindert, unseren Generalstabschef bei einer Inspektion zu beseitigen.“

Die Bestrebungen, Kontakte auf der Ebene der Generalstäbe beider Länder herzustellen, erklärt sich dadurch, dass die Kommunikationskanäle zwischen Moskau und Washington bereits vor dem Beginn der militärischen Spezialoperation gekappt waren, meint Leonkow. Seiner Ansicht nach ist die politische Führung der USA nicht mehr in der Lage, den amerikanischen Nachrichtendiensten und Analysten in Bezug auf Russlands Verteidigungsfähigkeiten zu vertrauen. „Ihre Aufklärungsarbeit ist fehlerbehaftet. Sie dachten, dass uns die Raketen bald ausgehen werden, doch sie gehen uns nicht aus. Es wurde angenommen, dass die Wirtschaftssanktionen dazu führen würden, uns der Grundlage der Rüstungsindustrie zu berauben – doch auch das lässt sich nicht bestätigen“, betonte Leonkow.

Es ist sehr gut möglich, dass man in Washington Rückschlüsse aus dem Besuch des CIA-Chefs William Burns in Moskau und seinem Treffen mit dem Sekretär des russischen Sicherheitsrates Nikolai Patruschew im November 2021 gezogen hat, meint Leonkow. „Es war eine gegenseitige Beratung, die auf Initiative der Amerikaner stattfand, wo wir ihnen unsere Haltung zur internationalen Sicherheit erklärt haben. Das Treffen hatte übrigens seine Wirkung auf die amerikanische Seite. Washingtons Rhetorik in Bezug auf Atomwaffen hat sich geändert“, so der Experte. Heute, angesichts der laufenden Spezialoperation, ist ein solcher direkter Dialog zwischen den amerikanischen und russischen Vertretern der staatlichen Gewaltorgane unmöglich.

Doch es gibt die Erfahrung der Interaktion über die Generalstäbe – genauer gesagt, zwischen dem russischen Generalstabschef Gerassimow und den US-Generalstabschefs während der Syrien-Kampagne, sagte Leonkow. Gegenstand der Diskussion war damals die Verhinderung von Zwischenfällen im syrischen Luftraum, während die russische Luftwaffe und die Flugzeuge der NATO-Koalition vor Ort waren, brachte der Experte in Erinnerung. „Die Amerikaner beschlossen, diese Leitung wieder aufzunehmen, denn durch die Unterbindung aller Kommunikationswege habe sie sich selbst der Möglichkeit beraubt, unsere wahren Fähigkeiten und Absichten zu verstehen“, formulierte der Militärexperte seine Auffassung.

Der Amerika-Experte Malek Dudakov sieht die Situation ein wenig anders. Er räumt ein, dass die Amerikaner ihre Schützlinge in Kiew möglicherweise tatsächlich davon abhalten können, Schritte zu unternehmen, die für die Vereinigten Staaten (und die ganze Welt) gefährlich sind. Ungeachtet des Wahrheitsgehalts der Informationen der NYT würde das mit dem Verhalten der Vereinigten Staaten im Ukraine-Konflikt übereinstimmen, meint Dudakov.

„Aus dieser Meldung lässt sich schließen, dass die USA eine gewisse Zurückhaltung zeigten, mit der Annahme, dass die Erlaubnis, ein solches Verbrechen gegenüber einem Vertreter der obersten militärischen Führung Russlands zu begehen, zu einer erheblichen Eskalation des Konflikts führen würde. Das würde Russland offensichtlich nicht verzeihen“, bemerkte der Experte.

Leonkov weist seinerseits darauf hin, dass die USA kein vollständiges Gesamtbild der Möglichkeiten Russlands in Sachen Nuklearwaffen hätten – und das mache Washington durchaus Sorgen. „Wir haben es abgelehnt, den Amerikanern die Inspektion unserer Militäreinrichtungen im Rahmen des START-3-Vertrags über die nukleare Triade zu gestatten“, erinnert sich der Militärexperte. Der Grund für die Aussetzung der Inspektionen war naheliegend: die Lieferung von US-Waffen an die Ukraine. Dabei führt Russland eine Umrüstung seines Regiments der Strategischen Raketentruppen für Interkontinentalraketen mit dem ballistischen Hyperschall-Raketensystem „Avantgarde“ durch. Das mobile bodengestützte Raketensystem „Jars“ nimmt seinen Dienst auf.

„Die Amerikaner sehen, dass wir unsere Nuklearmacht weiterentwickeln. Daher knüpfen sie alle möglichen Kontakte für eine bessere Einsicht der Situation. Es scheint eine Art Entscheidungskrise in Washington zu geben“, meint Leonkov.

Die Amerikaner können natürlich nicht als eine Kraft angesehen werden, die Kiews Handlungen in eine friedliche Richtung lenkt, stellt Dudakov fest. „Die Vereinigten Staaten liefern weiterhin Waffen und unterstützen Kiew politisch“, erklärte der Politikwissenschaftler. Gleichzeitig ist Washington aber definitiv nicht daran interessiert, dass der Konflikt jenseits des lokalen Geschehens stattfindet.

„Im Rahmen eines begrenzten Konflikts streben die Amerikaner weiterhin das Ziel an, das sie sich bereits im Frühjahr gesetzt haben – eine strategische Schwächung Russlands“, erinnerte Dudakov. „Sie hegen jedoch keinen Wunsch, dass dieser Konflikt zu einem groß angelegten Zusammenstoß zwischen Russland und der NATO eskaliert. Mit Sicherheit werden sie alles unternehmen, um dies zu verhindern und den Konflikt so lange wie möglich mit geringerer Intensität fortzusetzen.

Übersetzt aus dem Russischenzuerst erschienen bei Wsgljad.

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