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Kauft Berlin „Schrotthaufen“? Wenn das „tödlichste“ F-35 Kampfflugzeug nicht fliegt

Ein wesentlicher Teil des 100 Milliarden Euro „Sondervermögens“ der Bundeswehr fließt in den Kauf des US-Tarnkappenbombers F-35 – mitunter bekannt als das „tödlichste“ Kampfflugzeug oder als „Schrotthaufen“. Das Verteidigungsministerium warnte jüngst vor „erheblichen“ Risiken des Geschäfts.

Die Bundesregierung will 35 US-Kampfjets vom Typ F-35 beschaffen und damit die in die Jahre gekommene Tornado-Flotte ersetzen. Ein Großteil davon soll als Trägersystem für die in der Eifel stationierten US-Atombomben dienen. Damit „hält Deutschland an seinem Engagement im Rahmen der Übereinkünfte der NATO zur nuklearen Teilhabe fest“, bekräftigte Bundeskanzler Olaf Scholz das Vorhaben in einem Beitrag für das US-Medium „Foreign Affairs“. Das Verteidigungsministerium warnt hingegen vor erheblichen Risiken des Geschäfts.

Wie „Bild am Sonntag“ berichtete, sollen die ersten acht Jets im Jahr 2026 ausgeliefert werden. In einem vertraulichen Schreiben an den Haushaltsausschuss des Bundestags äußerte das Verteidigungsministerium allerdings Bedenken: Es sei offen, ob die Bundeswehr den erforderlichen Umbau des Flugplatzes in Büchel, Rheinland-Pfalz, rechtzeitig bis zur Lieferung abschließen kann. „Daher können zeitliche Verzögerungen und Mehrkosten bis zur Aufnahme des Flugbetriebs nicht ausgeschlossen werden“, zitiert die Zeitung aus der Vorlage.

Zudem bestehe das Risiko, dass eine Erteilung der nationalen Zulassung für den Flugbetrieb nicht zeitgerecht möglich sei. Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) stand in den vergangenen Tagen deshalb verstärkt in der Kritik. Doch das ist nicht die einzige Krux bei dem Milliarden-Deal.

Vernetzte Kriegsführung im Fokus

Der US-Hersteller Lockheed Martin beschreibt die F-35-Jets als „das tödlichste, überlebensfähigste und am besten vernetzte Kampfflugzeug“. Insbesondere wird die Tarnkappentechnik hochgepriesen. Die spezielle Form und Außenbeschichtung sollen verhindern, dass die Maschine schnell vom gegnerischen Radar entdeckt wird.

Bei der Entwicklung legte der Hersteller den Fokus auf die sogenannte vernetzte Kriegsführung. Die Maschinen sollen über leistungsfähige Sensoren, Datenlinks und Benutzerschnittstellen verfügen. Gesammelte Informationen könnten so verarbeitet, zu einem Lagebild fusioniert und unter den Streitkräften und Verbündeten geteilt werden. Die F-35-Jets sind über zahlreiche Datenschnittstellen mit den Bodenstationen und dem Hersteller in den USA verbunden.

Kritiker äußern Bedenken: Diese Form der vernetzten Kriegsführung erfordert langjährige Erprobungen und laufende Software-Updates. Politisch heikel sei auch, dass alle Einsatz-Informationen an die USA weitergeleitet werden. Bleibt die Frage, ob der Hersteller auch über die Funktion verfügt, etwa den Start der Maschine per Fernsteuerung zu blockieren. Es ist theoretisch denkbar, so das Onlinemagazin „Telepolis“.

Über 800 Mängel

Laut einer von Greenpeace in Auftrag gegebene Studie leide das Modell F-35 zudem unter zahlreichen Problemen und Mängeln. Darin heißt es, bei allen 750 bisher produzierten und ausgelieferten Exemplaren handele es sich um Modelle aus der Anfangsproduktion. Diese müssten noch nicht alle Anforderungen erfüllen, die für ein vollständiges, ausgereiftes Flugzeug gelten.

So beständen nach über zehn Jahren Entwicklung noch immer über 800 Mängel. Ein Großteil der Probleme betreffe die Softwareentwicklung, aber auch die Bereiche Kommunikation, Navigation und Cybersicherheit. Eine F-35 sei in den Jahren von 2014 bis 2021 im Schnitt nur 40 Prozent der Zeit einsatzbereit. Das Mindestziel liegt bei 62 Prozent.

Auch der US-Rechnungshof GAO bestätigte in seinem jüngsten Bericht, dass „der F-35 die Zielvorgaben für die Einsatzfähigkeit nach wie vor nicht erreicht hat“. Einer der Hauptgründe seien Triebwerksprobleme. Im Vergleich zu anderen Kampfflugzeugen der US-Streitkräfte sei das Triebwerk des F-35 sechsmal mehr fehleranfällig, so die Analyse. Auch ältere US-Jets würden hier besser abschneiden. Der ehemalige US-Verteidigungsminister Christopher Miller betitelte Ende 2020 den modernsten Kampfjet von Lockheed Martin gar als „Schrotthaufen“.

Kostenfalle

Bereits im Jahr 2014 hatte der Rechnungshof mehrere Empfehlungen ausgesprochen, um die Instandhaltung der F-35 zu verbessern. Einige davon sind bis heute noch nicht umgesetzt worden. Die Mängel seien so gravierend, dass das US-Verteidigungsministerium nun erwägt, die Triebwerke entweder zu überarbeiten oder diese gleich durch neu entwickelte Modelle zu ersetzen.

Die kostspielige Weiterentwicklung des F-35-Kampfjets dürfte sich zweifellos auf den Verkaufspreis niederschlagen. Für die Bundeswehr belaufen sich die Beschaffungskosten bei einer Stückzahl von 35 auf schätzungsweise 8,4 Milliarden Dollar. Dies gab das US-Außenministerium im Juli 2022 bekannt.

Da im Rahmen der Verträge keine Fixpreise genannt werden, könnten diese laufend angepasst werden. Fallen die Kosten für die Entwicklung höher aus, trägt der Käufer das Risiko – in dem Fall die Bundesregierung. Hinzu kommen noch die laufenden Betriebskosten, etwa für Flugstunden, Instandhaltung, Ausrüstung, Modernisierung oder für den anfallenden Support. Diese liegen beim Kampfjet bei mindestens dem 2,5-fachen Wert des Beschaffungspreises.

Greenpeace sagt „Worst Case“ voraus

Laut einer Studie der kanadischen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG würde der F-35 über seine gesamte Lebensdauer mehr als 45 Milliarden kanadische Dollar kosten – fünfmal so viel wie die Beschaffungskosten. Darüber berichtet „Telepolis“.

Dass diese Ausgaben nicht zu unterschätzen sind, zeigt das Beispiel Südkorea. Das Land war bisher einer der Haupt-Abnehmer des F-35-Modells. Aufgrund der enormen Betriebskosten ist Südkorea inzwischen dabei, selbst seinen eigenen Kampfjet zu entwickeln – jedoch mit weniger Funktionen. Dafür sollen die Betriebskosten um die Hälfte reduziert werden.

Zwischen Januar 2021 und Juni 2022 wurden außerdem 234 Mängel bei den 40 Maschinen, die Südkorea im Dienst hat, festgestellt. 172 Mal war die F-35 „nicht flugfähig“ und 62 Mal „nicht einsatzbereit“. Das geht aus einem Parlamentsbericht hervor, über den das Onlinemagazin „The Diplomat“ berichtet.

Während die Bundeswehr nun die Landebahn für die neuen Kampfjets mit Hochdruck anpassen will, rechnen Kritiker mit dem „Worst Case“: Sie sehen „ein zumindest teilweises Scheitern oder gar den vorzeitigen Abbruch der Weiterentwicklung der F-35“ als nicht ausgeschlossen, so die Prognose von Greenpeace.

Quelle

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