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Kriegsgebiet

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Krieg oder Frieden? Mythos und Wahrheit über angeblichen „russischen Militarismus“

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Dez 5, 2022

Von Dora Werner

„Der Frieden, den wir schließen werden, wird von Dauer sein und den fünfzigjährigen stolzen und unnötigen russischen Einfluss auf die Angelegenheiten Europas zerstören“, sagte Napoleon noch, bevor er in Russland einmarschierte. Diese Formulierung erinnert verdächtig an die aktuelle Rhetorik der NATO- und der US-Politiker, wodurch die Vereinigten Staaten und die Europäische Union das Aufpumpen der Ukraine mit tödlichen Waffen rechtfertigen wollen: um Russland zu schwächen, damit es keinen Einfluss mehr auf die Weltgeschehnisse nehmen kann. „Russland soll geschwächt werden“ und „die internationale Gemeinschaft, insbesondere die NATO, stärker zusammenrücken“, meinte nach einem Besuch in Kiew Pentagon-Chef Lloyd Austin.

Nur machte Napoleon von Anfang an keinen Hehl aus seinen aggressiven Absichten, während NATO- und US-Beamte noch immer ein falsches Schauspiel aufführen: auf der einen Seite die sanften und braven Verteidiger der „Demokratie“, auf der anderen Seite das angeblich blutrünstige Russland, das beschlossen habe, einen „unprovozierten“ und „ungerechtfertigten“ Krieg zu führen. 

Doch wie blutrünstig ist Russland wirklich? Wollen die Russen wirklich Krieg – wie in einem bekannten sowjetischen Lied wachrüttelnd gefragt wird?

Auf den ersten Blick scheint es, dass die Militarisierung und das Kriegsthema – insbesondere das Thema des Großen Vaterländischen Krieges – die russische Mentalität bestimmt. Aber dieser Eindruck ist trügerisch. Das ist vielmehr ein Spiegelbild der langen Geschichte des Landes, das aufgrund seiner geografischen Lage über Jahrhunderte hinweg immer wieder Begehrlichkeiten weckte und Eindringlinge – sowohl aus dem Osten als auch aus dem Westen – abwehren musste. Russlands Kriege waren daher fast immer Verteidigungskriege. Der russische Politologe und Politiker Georgi Bowt merkte im Jahr 2018 zu den Ereignissen auf der Krim an:

„Das russische Imperium hat im Großen und Ganzen fast immer (auch bei seiner Expansion in neue Regionen, so paradox dies einem Außenstehenden auch erscheinen mag) ‚aus der Verteidigung heraus‘ gehandelt. Hätte der Kreml in den Ereignissen in der Ukraine in den Jahren 2013/2014 nicht eine existenzielle Bedrohung für die nationale Sicherheit Russlands gesehen, würde die Krim immer noch ihnen gehören und nicht uns.“

Rückblickend scheint die Geschichte Russlands aus einer Abfolge von endlosen Angriffen von außen zu bestehen – und aus Versuchen, seine Grenzen zu befestigen, damit nichts die friedliche Entwicklung des Landes stören kann. Etwa beim Überfall durch den Livländischen Orden, dessen Armee erst Alexander Newski in der Schlacht auf dem Peipussee in dem Jahr 1242 vernichten musste, um dessen aggressiver Ostexpansion ein Ende zu setzen. Oder die Jahrhunderte der tatarisch-mongolischen Herrschaft. Oder die polnischen Truppen, die im 17. Jahrhundert in Russland einfielen, um es zu versklaven und die zusammen mit den Litauern zwei Jahre lang Moskau besetzt hielten. Der „Russlandfeldzug“ Karls XII., bei dem die Schweden von Peter dem Großen bei Poltawa besiegt wurden. Schließlich auch Napoleons Versuch, Russland zu erobern und dauerhaft zu schwächen. Der Publizist und Historiker Leonid Maslowski schreibt in einem Artikel auf der Website des Fernsehsenders Swesda:

„Das russische Volk bildete sich in der Zeit vom Anfang des XIII. bis zur Mitte des XV. Jahrhunderts. In dieser Zeit, von dem Jahr 1228 bis 1462, also 234 Jahre lang, hat Russland 160 Invasionen abgewehrt. Jeder dieser 160 Kriege war nach europäischen Maßstäben ein großer Krieg. Fast 80 Kriege pro Jahrhundert, ein Krieg alle 1,5 Jahre.“

Er führt das 16. Jahrhundert als Beispiel an, in dem Russland 43 Jahre lang feindliche Invasionen abwehren musste. „Eine dieser Invasionen war der Angriff auf Russland durch den Krim-Khan Devlet Giray, der mit Hilfe der Türkei für einen Feldzug gegen Moskau gerüstet war, nicht ohne die Beteiligung Englands“, so Maslowski. Er erinnert an das Jahr 1571, in dem Devlet Giray Moskau „bis auf die Grundmauern“ niederbrannte:

„Russischen Aufzeichnungen zufolge kamen bis zu 800.000 Menschen ums Leben. Es war nicht möglich, die Leichen zu begraben – sie wurden in den Fluss Moskwa geworfen. ‚Die Moskwa trug die Toten nicht fort‘ – so steht es in der Chronik. Die europäischen Hauptstädte kannten solche Invasionen nicht und konnten unter solchen Bedingungen nicht überleben.“

Im 19. Jahrhundert prägte die Aufgabe, sich gegen mögliche Aggressoren aus dem Westen zu verteidigen, die moderne Struktur des Landes. Wer schon einmal mit der Bahn nach Russland gereist ist, weiß, dass die Spurweite hier eine andere ist als in Europa – und dass die Waggons beim Grenzübertritt auf neue Räder „umgespurt“ werden müssen. Aber nur wenige wissen, dass dies kein Zufall ist, sondern sogar ein ganz bewusstes militärisches und taktisches Kalkül.

Beim Bau der Eisenbahnen wählte der Zar Nikolaus I. nämlich bewusst eine von der europäischen Norm abweichende Spurbreite, gerade um im Falle eines Angriffs aus dem Westen dem Feind keinen militärischen Vorteil zu verschaffen. „… Wenn ein Feind aus Europa gegen uns in den Krieg zieht, so wird er doch nicht unsere Eisenbahnen benutzen können …“, sagte er. Und wie recht er doch hatte: die Wahl der Spurweite erwies sich für Russland mindestens zweimal als lebensrettend – im Ersten wie im Zweiten Weltkrieg.

Die Verteidigungskriege des Landes betrafen nicht nur die Infrastruktur – viele Männer (und praktisch alle Adligen) leisteten Militärdienst und beteiligten sich somit auf verschiedene Weise an den Kriegshandlungen. Es mag kaum auffallen – weil ihre Werke durchweg pazifistisch und alles andere als militaristisch und kriegerisch sind – aber auch die meisten russischen Schriftsteller, Komponisten und bildende Künstler waren auf die eine oder andere Weise mit der Armee – und mit Militäraktionen – verbunden.

(Symbolbild)U. J. Alexander / Legion-media.ru

Der wohl berühmteste Pazifist der russischen Literatur – und vielleicht gar der Weltliteratur  – Leo Tolstoi erlebte Kriegszüge auf der Krim und im Kaukasus. Seine ersten Werke schrieb der Schriftsteller während seines Dienstes im Kaukasus. Gawriil Derschawin, der berühmteste Dichter vor Alexander Puschkin und Schöpfer der russischen Literatursprache, war Offizier und nahm an der Niederschlagung des Aufstandes von Jemeljan Pugatschow teil. Der Dichter Michail Lermontow diente als Oberleutnant und kämpfte im Kaukasuskrieg an vorderster Front. Michail Bulgakow war während des Ersten Weltkriegs und des folgenden Bürgerkriegs Militärarzt. Alexander Kuprin, Afanassi Fet, Sergei Jessenin und Michail Soschtschenko, Alexander Blok und Sascha Tschorny haben alle die Armee und den Krieg durchlaufen.

In der Malerei und in der Musik ist das Bild ähnlich. Der Komponist Modest Mussorgski diente beispielsweise, einer Familientradition folgend, als Offizier. Während seines Militärdienstes hatte er die sein Leben verändernde Begegnung mit dem Militärarzt – und Komponisten – Alexander Borodin, mit dem er die berühmte „Mächtige Handvoll“ bilden und die neue russische Musikschule begründen sollte. Der Maler Jewgeni Lansere war an der Kaukasusfront, Kusma Petrow-Wodkin diente im Ismailowski Leibgarde-Regiment und Kasimir Malewitsch gehörte zu den Kämpfern der Nachhut bei Smolensk.

Aber trotz dieses Hintergrunds ist es schwer, eine humanistischere Literatur als die Werke von Tolstoi oder Bulgakow, eine zärtlichere Poesie als die von Afanassi Fet und eine lebensfrohere Malerei als die russische zu finden. Und es ist schwer, ein noch mehr vom Pazifismus geprägtes Manifest zu schaffen als das ikonische Gemälde „Die Apotheose des Krieges“ von Wassili Wereschtschagin:

Ein verdorrtes Feld, eine riesige Pyramide aufgetürmter sonnengebleichter Schädel der Gefallenen und Schwärme von Krähen, die über diesem grauenvollen Hügel kreisen. Auf den Rahmen seines Gemäldes schrieb der Maler seine Botschaft: „Gewidmet allen großen Eroberern: der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.“ Alles, was Wereschtschagin, ein Berufsmilitär, der mehrere Feldzüge überlebt hatte, nach diesem Gemälde verfasst hat, war eine leidenschaftliche Ablehnung aller Kriege. „Ich war mein ganzes Leben lang in die Sonne verliebt“, sagte der Maler, „und ich würde am liebsten nur noch die Sonne zeichnen, wenn sich die Menschen nicht gegenseitig umbringen würden“.

Im Bild: Das Gemälde „Die Apotheose des Krieges“ von Wassili Wereshchagin, 1871.Artefact / Legion-media.ru

Krieg war für Russen immer etwas Unerwünschtes, Erzwungenes, aber in den Krieg zu ziehen war notwendig, um die Sicherheit des eigenen Landes zu schützen.

Was ist aber nun mit dem angeblichen sowjetischen Militarismus? Mit den Militäruniformen von Stalin und den sowjetischen Funktionären, den paramilitärischen Jugend- und Sportorganisationen und so weiter und so fort? Bekanntlich war die Partei der Bolschewiki von Anfang an – bereits vor der Oktoberrevolution – eine streng hierarchische Organisation paramilitärischen Typs … Der Politikwissenschaftler Georgi Bowt ist jedoch der Ansicht, dass Sowjetrussland und der russische Militarismus nichts Außergewöhnliches seien – es habe sich um einen weltweiten Trend gehandelt:

„Der Militarismus als Phänomen des gesellschaftlichen Denkens entstand und verbreitete sich mit der Entstehung der Nationalstaaten. Russland war hier noch nie eine Ausnahmeerscheinung.

In Europa ist das klassische Beispiel der preußische Militarismus. Später in Asien: der japanische Militarismus. Wenn zeitgenössische ‚Gelehrte‘ des russisch-sowjetischen Militarismus auf die wirklich weit verbreitete Militarisierung des öffentlichen und politischen Lebens in der Sowjetunion ab den 1920er/30er Jahren hinweisen und dabei alle möglichen militarisierten Gesellschaften und militärischen Grundausbildungskurse in den Schulen anführen, dann kann man mit Fug und Recht behaupten, dass ähnliche Programme der militärischen Grundausbildung in den amerikanischen Schulen erstmals Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts unter Präsident Theodore Roosevelt auftauchten. Und unsere Pioniere sind nur ein Abklatsch der britischen Pfadfinder. Von der britischen militärisch-kolonialen Kultur wollen wir hier gar nicht erst reden.“

Obwohl die Sowjetunion in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts verschiedene Kriege führte, war das öffentliche Bewusstsein in der sowjetischen Gesellschaft pazifistisch. „Frieden für die Welt“, „Für den Frieden in der Welt“ – das waren die Losungen, mit denen jedes Schulkind während des Kalten Krieges aufwuchs. Alle Filme über den Zweiten Weltkrieg und das gesamte patriotische Liedgut waren von der Ablehnung des Krieges und der Idee des Friedens durchdrungen. Die Apotheose dessen ist vielleicht das ikonische Lied zu Jewgeni Jewtuschenkos Gedicht „Meinst du, die Russen wollen Krieg?“:

„Der Kampf hat uns nicht schwach geseh’n,
doch nie mehr möge es gescheh’n,
daß Menschenblut, so rot und heiß,
der bitt’ren Erde wird‘ zum Preis.
Frag Mütter, die seit damals grau,
befrag doch bitte meine Frau.
Die Antwort in der Frage liegt:
Meinst du, die Russen wollen Krieg?“

Und vielleicht wollen die Russen von heute sogar noch weniger den Krieg als früher. Die Erinnerung an die enormen Verluste des Landes während des Zweiten Weltkrieges ist in jeder Familie noch zu lebendig, wie soziologische Untersuchungen und die große Zahl der Teilnehmer an den alljährlichen Märschen des „Unsterblichen Regiments“ zeigen, bei denen Familien die Porträts ihrer gefallenen Vorfahren durch die Straßen der Städte tragen. Georgi Bowt stellt zum Beispiel fest, dass die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs in vielen Städten und Gemeinden des alten Europas „nicht zu einem vollständigen Zusammenbruch der gewohnten Lebensweise führten, sondern dass viele Elemente davon auch unter der Besatzung erhalten blieben“. In der Sowjetunion kam es jedoch „zu einer echten nationalen Katastrophe“, von deren Folgen sich das Land jahrzehntelang nicht erholen konnte.

Im Bild: Zeichen und Slogans an der Berliner Mauer.Wolfram Steinberg / Legion-media.ru

Und dann ist da ein Gespräch von Alexei Arestowitsch – des Beraters von Präsident Selenskij – mit dem ukrainischen Journalisten Dmitri Gordon zu erwähnen. In dem Interview schilderte Arestowitsch das bahnbrechende Treffen der NATO-Verteidigungsminister auf dem südwestdeutschen US-Stützpunkt Ramstein mit den Worten des ukrainischen Verteidigungsministers Alexei Resnikow so:

„In Ramstein schüttelten sich alle die Hände und sagten: ‚Bitte, macht den Bastard [Russland] fertig!‘ Die Schweden fügten hinzu: ‚Wegen Poltawa!‘ Die Franzosen fügten hinzu: ‚Wegen Borodino!‘ Die Deutschen schwiegen, aber sie zwinkerten: ‚Tötet es [Russland]!‘ Sie sagten: ‚Endlich werdet ihr es fertigmachen! Tut es! Lasst es uns alle zusammen tun!‘ Natürlich sagen die Politiker das nicht laut, aber im persönlichen Kontakt … Es sind mehr als nur Worte, es geht ja um die Verteidigungsminister und ihre Begleiter …“

Also: Meinst du immer noch, „die Russen“ wollen Krieg?

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