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Kiews „großer Sieg“ bei Isjum – Gedanken zur Wahrnehmung eines Krieges

Inzwischen sind die Ereignisse, die sich hinter dem angeblich so erfolgreichen ukrainischen Angriff bei Isjum verbergen, einigermaßen klar geworden. Es ist an der Zeit, eine etwas nüchternere Bilanz zu ziehen und sie auf ihr wahres Maß zu stutzen. Dies soll hier geschehen.
Wenn eines durch den ukrainischen Angriff bei Isjum deutlich geworden ist, dann sind das Probleme bei Wahrnehmung und Kommunikation. Denn es bestehen extrem unterschiedliche Sichten auf das Geschehen, und es zeigt sich deutlich, dass eine kurzfristige Sicht nur sehr begrenzt Sinn macht. Um das nachvollziehbar zu machen, besteht dieser Text aus zwei Teilen. Im ersten geht es darum, was vermutlich geschehen ist und warum das an der Oberfläche (für uns zumindest) nicht sichtbar ist. Und im zweiten geht es dann um einen kleinen Überblick über die Reaktionen sowie deren eventuelle politische Folgen.

Zuerst aber einige Vorbemerkungen. Das Publikum überall ist darauf konditioniert, schnelle Ergebnisse geliefert zu bekommen. Wenn man ein Fußballspiel ansieht, sind das 120 Minuten Aufregung, und dann steht das Ergebnis fest. Aber selbst hinter dieser kurzen Zeit steht ein ganzer Apparat, der weit mehr als elf Personen auf dem Spielfeld umfasst und der in ganz anderen Zeiträumen agiert; vom Trainer, der sich um Vorbereitung, Aufstellung und Gegneranalyse kümmern muss, über die Logistik von Bustransfers über Trikotwäsche und Kartenverkauf bis hin zur langfristigen Planung eines Vereins, mit Merchandising, Struktur der Spielerausbildung bis hin eventuell zur Altersvorsorge für ehemalige Spieler. Während der Spieler selbst auf dem Spielfeld Entscheidungen im Sekundentakt fällen muss und sich die einzelnen Spielzüge über einige Minuten erstrecken, zielt die Arbeit der obersten Ebene, die langfristige Planung, auf Jahre oder Jahrzehnte. Der kurzfristige Erfolg eines Fußballvereins mag durch ein paar gute Spieler zu erreichen sein; für den langfristigen ist es die oberste Ebene, die den Ausschlag gibt.

Ein großer Teil der Kriegsberichterstattung ähnelt Fußballkommentaren. Die Berichterstattung bezieht sich auf die Zeit auf dem Spielfeld; die Vorzüge und Schwächen einzelner Spieler werden benannt, womöglich auch noch die der jeweiligen Trainer, aber weder die Funktionsfähigkeit der Vereinswäscherei wird behandelt noch die Frage aufgeworfen, ob die Presseabteilung ihre Arbeit gut leistet. Dass diese Informationen nicht oder nur sehr selten auftauchen, liegt daran, dass sie zum einen das Publikum wenig interessieren und zum anderen, dass sie nicht alle offen zugänglich sind.

Ein Krieg hat ebenso unterschiedliche Zeitebenen wie der Fußball. Die langsamste Ebene ist die ökonomische; die hat aber die größte Auswirkung. Von da geht es herunter über die Ausbildungs- und Organisationsplanung und dann in der „Anwendung“ die Planung des Generalstabs bis zum einzelnen konkreten Ereignis, das zwar den Anschein einer engen zeitlichen Beschränkung erweckt, aber auf der nächsthöheren Ebene schon einen wesentlich längeren Vor- und Nachlauf hat.

Die Menge an Informationen, die der Generalstab hat, unterscheidet sich wesentlich von jener, die einem Berichterstatter zur Verfügung steht. Wenn in den Berichten zu Isjum von „Überraschung“ die Rede ist, ist das nur begrenzt richtig, weil auf beiden Seiten, der US-amerikanischen wie der russischen, alle Varianten der Aufklärung zur Verfügung stehen, bis hin zu Satelliten.

Das ist ein entscheidender Punkt, denn es ist klar, dass der Rückzug der russischen Einheiten (eigentlich sollte man Einheit sagen, zuletzt soll noch genau eine taktische Bataillonsgruppe in Isjum stationiert gewesen sein) schon lange vor dem ukrainischen Angriff begonnen hat. Das wäre in der Berichterstattung nur aufgefallen, wenn zufällig ein Reporter für längere Zeit auf diesem Frontabschnitt gewesen wäre. Auf den Satellitenbildern war es allerdings mit Sicherheit zu erkennen. Das heißt, beide Seiten wussten davon. In den bei diesem Angriff vorne liegenden Orten wie Balakleja gab es nur Milizen und Rosgwardija, also leichte Infanterie, die eher Polizeifunktionen erfüllte.

Was das US-Militär da geplant hat, war also ein Vorstoß in ein Gelände, das ohnehin gerade geräumt wurde; das und nicht etwa besonders geniale Planung erklärt auch den schnellen Vorstoß. In dieser ganzen Phase kam es kaum zu Gefechten, und das, was an Reserven verlagert wurde, diente nur dazu, den eigenen Rückzug zu decken. Das vermutliche Ziel des Angriffs war es, die noch in Isjum verbliebenen Truppen einzuschließen und dadurch einen realen Sieg über russische Truppen erringen zu können, aber das ist nicht gelungen.

Auf NATO-Seite ist das egal; das Ergebnis wird als großer Sieg verkauft. Dass dabei wie bei dem Angriff in Cherson Teile der in Großbritannien gerade ausgebildeten Truppen verheizt wurden, spielt offenkundig weder für die NATO- noch für die ukrainische Führung die geringste Rolle. Sieg ist, wenn man sein Fähnchen in irgendeinen Vorgarten stecken kann.

 

Nur, das, was einen Krieg entscheidet, sind militärische Siege und nicht PR-Erfolge. Und ein militärischer Sieg ist dann, und erst dann, errungen, wenn der Gegner gezwungen ist, das zu tun, was man von ihm will. Der ukrainische Angriff bei Isjum war eine Inszenierung, um den Eindruck zu erwecken, die russische Armee sei dort wegen dieses Angriffs abgezogen, die sich verkaufen lässt, weil sich die meisten Zuschauer keine Gedanken machen, wie lange ein solcher Abzug geplant werden muss, damit er gut (also schnell, sicher und möglichst ohne eigene Verluste) funktioniert.

Man muss sich das vorstellen wie hundert Wohnungsumzüge auf einmal. Von einer Minute auf die andere umziehen kann man nur, wenn die gesamten Habseligkeiten aus einem Rucksack bestehen. Die taktischen Bataillonsgruppen der russischen Armee haben aber das volle Programm, von Panzern über Mannschaftstransporter über Artillerie bis zur Luftabwehr. Von den Munitionsvorräten ganz zu schweigen. Das Wenigste davon kann mit zwei Handgriffen transportbereit gemacht werden oder fährt über längere Strecken. Der Abzug der letzten Einheit aus Isjum war nur der Schlusspunkt eines Prozesses, der bereits seit Wochen, wenn nicht schon seit Monaten im Gang war. Ich tippe auf Letzteres, weil für die Planung dieses vermeintlich so erfolgreichen ukrainischen Vorstoßes das Gleiche gilt.

Für die massiven Reaktionen, die dieser Rückzug gerade auf russischen Kanälen auslöste (mit denen ich mich dann im zweiten Teil genauer befassen will), gibt es mindestens zwei Gründe. Der erste ist simpel (man möge mir die Fortsetzung der Metapher vergeben; sie dient dem prinzipiellen Verständnis und heißt mitnichten, dass ich übersehe, dass es in einem Krieg um Menschenleben geht) – die Fans eines Vereins sind auch nach jedem nicht gewonnenen Spiel enttäuscht und fordern einen anderen Trainer, auch wenn Niederlagen normal sind und die eigentliche Entscheidung erst am letzten Spieltag fällt. Der zweite Grund ist düsterer, weil die ukrainische Seite, wenn sie Orte wieder in Besitz nimmt, die Bevölkerung mit Terror überzieht. Das wird übrigens nicht besser, sondern schlimmer, inzwischen gilt bereits die schlichte Fortsetzung einer Tätigkeit für die Allgemeinheit als „Kollaboration“, gelten selbst Lehrer, die weiter unterrichten, als „Kollaborateure“ und werden dafür verfolgt. Deshalb wird der Rückzug aus jedem Ort von Beobachtern in Russland als Verrat an der dortigen Bevölkerung gesehen.

Allerdings, eine endgültige Lösung dieses Problems ist nicht anders zu haben als in einem Ende des Kiewer Regimes, und dafür muss nicht ein Gefecht, sondern der Krieg gewonnen werden. Zu diesem Zweck können Rückzüge nötig und sinnvoll sein. Mehr, als den möglicherweise Betroffenen ukrainischer Repression eine Evakuierung anzubieten, ist nicht möglich.

Es ist denkbar, dass viele dieser Menschen die Gefahr unterschätzt haben. Gerade jene, die meinten, sich in dem Konflikt neutral verhalten zu können („ich mache nur meine Arbeit“), und die nun von ukrainischer Seite dennoch als Feinde behandelt werden, weil sie ja sogar in der Entgegennahme humanitärer Hilfe bereits „Kollaboration“ sieht. Das sind Maßstäbe, die nicht einmal die Naziwehrmacht angewandt hat.

Wenn man moralische Fragen bezüglich dieses Rückzuges aufwirft, dann muss man allerdings auch die andere Seite bedenken: Wenn ein Festhalten an diesen Orten den Sieg auch nur verzögert, dann verlängert es die Zeit, in der all die anderen, in Charkow, in Nikolajew, in Odessa, unter dieser Herrschaft leben müssen, wo sie sicher nicht freundlicher ist. Wie soll man zwischen einem Opfer der Repression in Odessa und einem Opfer der Repression in Isjum wählen? Oder zwischen den Einwohnern, die verschont werden, und den Soldaten, die fallen, um sie zu schützen?

Es gibt keine einfache Lösung für diese Fragen. Wenn ein Krieg gerechtfertigt ist, dann liegt das höchste moralische Ziel darin zu siegen. Denn dann sind die Gründe, ihn zu führen, so gewichtig, dass sie – als politische wie als moralische Anforderung – alles andere in den Schatten stellen. Die Brutalität und Zügellosigkeit, die die ukrainische Macht im Umgang nicht nur mit den Einwohnern von Isjum, sondern auch im Umgang mit dem Leben der eigenen Soldaten beweist, ist nur einer dieser Gründe. Dazu kommen noch die US-amerikanischen Biolabore, die stetigen Angriffe auf die Bevölkerung der Donbass-Republiken, die existenzielle Bedrohung für die Russische Föderation und zuletzt die geopolitische Auseinandersetzung, die auch in der Ukraine ausgetragen wird, und ohne die die Kämpfe längst beendet wären, schon allein, weil die Verhandlungen in Istanbul zum Erfolg geführt hätten.

Auch auf der geopolitischen Ebene geht es um Menschenleben. Wie viele Opfer haben die Kriege der USA in den letzten zwanzig Jahren gekostet? Wie viele sind unnötig verhungert, an Krankheiten gestorben, weil ihre Länder vom Westen sanktioniert wurden? Vieles spricht dafür, dass die Langsamkeit und die Vorsicht des russischen Vorgehens in der Ukraine durch diese Ebene bedingt ist; Zeit, die erforderlich war, um die Länder des globalen Südens einzubinden. Physisch ist das ein Krieg der NATO gegen Russland. Politisch ist das ein Gefecht im Krieg des Westens gegen den Rest der Welt.

Es ist mühsam und wirkt auf den ersten Blick kalt und gefühllos, wenn man Ereignisse wie den Rückzug aus Isjum auf dieser Ebene einsortiert. Aber es gibt keinen anderen Weg, um sie vernünftig zu bewerten. Gerade weil die Frage, welche Opfer wofür zu rechtfertigen sind, nie aus dem Bewusstsein verschwinden darf. Ebenso, wie die Unmenschlichkeit der anderen Seite sich darin beweist, dass für die Nutzung eines taktischen Vorteils (der aller Wahrscheinlichkeit nach flüchtig ist) nach den Angaben des russischen Verteidigungsministeriums bereits 2.000 ukrainische Soldaten verheizt wurden. Um ein paar kleinere Orte zu besetzen, Fähnchen aufzustecken und dem westlichen Publikum den ersehnten „Sieg“ zu liefern.

Quelle: Dagmar Henn, R T

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