• Fr. Sep 30th, 2022

Kriegsgebiet

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Deutsche Abhängigkeit von Rohstoffimporten ist ein altes Thema. In diesen Wochen kreist die plötzlich ausgebrochene Diskussion ausschließlich um Russland. Dabei handelt es sich um eine Konstante, die Kriege und Wissenschaft mitbestimmte.

Das deutsche Wort „Ersatz“ hat wie „Weltanschauung“ und „Blitzkrieg“ und so mancher andere Begriff seinen Platz im internationalen Vokabular. Es ist ein typisch deutscher Terminus, der sich als solcher dann auch in der englischen und französischen Sprache wiederfindet.  Als im Zweiten Weltkrieg Treibstoff, aber auch viele Grundnahrungsmittel fehlten, wurde vom „Ersatzdiesel“ aus Pflanzen bis zur „Ersatzmilch“ allerhand improvisiert.

Dabei hatte die deutsche Industrie bereits vor 1914 im Wettlauf mit dem britischen Empire, das mit seinem Kolonialreich über einen fast unbegrenzten Zugang zu billigen Rohstoffen verfügte, alles darangesetzt, mit Forschung dieses Manko eigener Bodenschätze wettzumachen.

Der Zeitraum zwischen 1871, also der deutschen Einigung unter Otto von Bismarck, und 1914 war die goldene Zeit von Erfindungen. Rund acht von zehn an der Börse notierten deutschen Unternehmen wurden bereits vor dem Ersten Weltkrieg gegründet. Vom Erfindergeist jener Epoche zehrt die deutsche Wirtschaft seither.

Synthetische Treibstoffe

Mit der aufstrebenden Automobilindustrie in den 1920er Jahren begann auch die Suche nach physischem Zugang zu Erdölquellen. Während London die eben erst entdeckten nahöstlichen Ölfelder und die Pipelines kontrollierte, suchte die chemische Industrie in Deutschland nach Alternativen. Die I.G. Farben [seit 1925 Interessengemeinschaft Farbenindustrie AG führender deutscher Chemieunternehmen] war in der Produktion synthetischer Treibstoffe bereits so erfolgreich, dass die Vertreter US-amerikanischer Ölkonzerne auf diese mögliche Konkurrenz aufmerksam wurden und den Ankauf der Patente anstrebten. Der kanadische Historiker Daniel Yergin beschreibt in vielen seiner Bücher diese Entwicklungen sehr anschaulich.

Der fehlende Kautschuk für die ebenfalls wichtige Gummi-Produktion der neuen Mobilität wurde in den Labors von Leverkusen entwickelt – wie viele andere Produkte, die letztlich Deutschland auch nach der Zäsur von 1945 zu einem wichtigen Standort der Chemie-Industrie machten. Wenn nun der Ruf nach einem selbst auferlegten Erdgas- und Erdöl-Embargo gegen Russland immer lauter wird, so warnen gerade auch die Vertreter dieser Industrie deutlich vor den Folgen für den Industriestandort Deutschland.

Der Verzicht auf russisches Erdgas bedeutet eben nicht in erster Linie „Frieren“, sondern vor allem Unterbrechungen in der Stromversorgung und fehlende Materialien für die Industrie. Die Petrochemie erzeugt auch Düngemittel ebenso wie Kunststoffe.

Unabhängigkeit von Russland als politisches Ziel

Dass es nicht „nur“ um Kohle, Erdöl und Erdgas, sondern um sehr viele andere Rohstoffe aus russischen Importen geht, spricht sich indes mittlerweile in der deutschen Öffentlichkeit herum. Das Schlagwort lautet daher, sich um jeden Preis von russischen Lieferungen zu „befreien“. Innerhalb der EU wächst der Druck insbesondere auf Deutschland, nach dem Kohle-Embargo – das Deutschland insofern besonders trifft, da Kohle seit der Energiewende zunehmend in der Stromproduktion verbrannt wird – auch auf russisches Erdöl und Erdgas zu verzichten.

Meines Erachtens könnte sich Berlin bald diesem Druck beugen, wie dies zuvor bereits mit dem Ausschluss Russlands aus dem SWIFT-System und zuletzt mit dem Kohle-Embargo der Fall war. In beiden Fällen wollte die Regierung unter Kanzler Scholz anfänglich diese Forderungen der Europäischen Kommission nicht mittragen.

Gerade jene EU-Staaten aus der von Berlin abschätzig bezeichneten Peripherie – also etwa Griechenland und Italien – fordern diesen Schritt. Sie tun dies mit dem Hinweis, dass sie selbst auf deutschen Druck zur Euro-Rettung vor rund zehn Jahren harte Reformen durchzogen und in eine viel tiefere Rezession schlitterten als dies nun für Deutschland der Fall wäre, sollte kein russisches Erdgas mehr fließen.

Auf der Suche nach Rohstoffen

Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion 1941 hatte vorranging zum Ziel, den Zugriff auf kaukasische Erdölfelder zu sichern, was letztlich zum totalen Desaster für Deutschland wurde. Es war der Anfang vom Ende der NS-Herrschaft. In den letzten Jahrzehnten hätte die deutsche Wirtschaft ohne die günstigen russischen Energielieferungen nicht ihre Erfolge verbuchen können. Ein seltsamer Kreis schließt sich daher nun mit diesem Showdown angesichts Sanktionen und Energiekrise.

Warum sowohl Exporteure als auch Importeure zu wenig diversifizierten, statt sich die jeweilige Manövriermasse bei Verhandlungen zu sichern, war mir nie ganz klar. Nun sind Bundesminister wieder als Handelsreisende eifrig im Einsatz und versuchen – wortwörtlich um jeden Preis –, dann eben Erdgas aus dem Persischen Golf oder Erdöl aus Südamerika an Land zu ziehen.  Letztlich geht es aber auch um andere Rohstoffe wie Lithium und Palladium, wobei Russland und zentralasiatische Staaten wiederum wichtige Minen dafür betreiben. China hat seinerseits seit Jahrzehnten wichtige Konzessionen für den Zugang zu diesen Bodenschätzen gekauft, um seine Photovoltaik-Industrie mittlerweile zum unbestrittenen Weltmarktführer zu machen.

Deutschland steht gewissermaßen wieder dort, wohin es die Geschichte schon mehrfach gestellt hatte: vor einem fast aussichtslosen Wettlauf mit anderen, fitteren Mitbewerbern auf dem globalen Rohstoffmarkt. Angesichts des Zustands von Wissenschaft und Forschung wird die Innovation allerdings diesmal nicht so erfolgreich sein wie in früheren Jahrhunderten, die fehlenden Rohstoffe durch neue eigene Patente zu ersetzen. Und daran tragen die Russen gewiss keine Schuld.

Gastkommentar von Dr. Karin Kneissl

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